Scheidet Italien aus?

Für den Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist der Zerfall der Eurozone unvermeidbar, Italien wird nach Großbritannien der nächste Ausstiegskandidat sein. Wenn es in zehn Jahren überhaupt noch eine Gemeinschaft in Europa geben sollte, dann nur unter anderen Voraussetzungen.


Zunehmend viele Italiener gegen den Euro

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz hält sich öfter in Italien auf und spricht dort mit den Menschen über alltägliche Sorgen. Er spürt dabei eine größer werdende Ablehnung gegen die Gemeinschaftswährung. Viele Italiener sind vom Euro enttäuscht, weil er nicht so funktioniert wie von der EU-Politik versprochen. Ähnlich geht es heute vielen italienischen Parlamentariern und Wissenschaftlern, obwohl diese sich lange der Einsicht verweigerten. Aufgrund der mittlerweile breiten Ablehnung glaubt Stiglitz, dass Italien nicht mehr lange ein Mitglied der Eurozone sein wird.

Italien in einer tiefen Krise

Die Wirtschaft wächst seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr, die Unternehmen entlassen zwangsläufig Mitarbeiter und die landesweite Arbeitslosigkeit steigt auf historische Werte. Gleichzeitig leidet die italienische Finanzbranche unter gewaltigen Beständen an faulen Krediten. Es stehen derzeit zur Rückzahlung fällige Darlehen in Höhe von 360 Milliarden Euro an, allerdings fehlt es an Liquidität. Italien wird nicht zum ersten Mal mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, zu Zeiten der Lire wäre in einem derartigen Szenario eine Abwertung erfolgt. Doch die ist mit der gemeinsamen Währung für einzelne Nationen nicht mehr möglich.

Italien wird der nächste Austrittskandidat sein

Joseph Stiglitz glaubt nicht, dass die Eurozone auf lange Sicht durch die Politik in Brüssel gerettet werden kann. Tief greifende Reformen wie beispielsweise gemeinsame Einlagensicherung auf Basis einer europäischen Bankenunion müssten jetzt erfolgen, doch dazu fehlt es den Nationen an Willen und Entschlossenheit.

Der Ökonom meint zwar, dass es auch in zehn Jahren noch eine Form der Eurozone geben wird, allerdings mit deutlich weniger Mitgliedern und wahrscheinlich völlig anderem Konzept. Italien wird aus seiner Sicht die Europäische Union verlassen, danach folgen Griechenland und Portugal. Denkbar wäre für den Nobelpreisträger die Rückkehr zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) mit nationalen Währungen und wirtschaftlicher Kooperation.

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